Mittwoch, 6. Mai 2009

Riina-Ingel Keskpaik

Seit fast einem Monat hängen sehr interessante Bilder in unserer Bibliothek, und zwar von Riina-Ingel. Im Paabel sieht man sie in letzter Zeit nicht so oft, aber die meisten vom dritten Studienjahr kennen sie ganz gut.

Nun könnt auch ihr sie besser kennenlernen!

Name: Riina-Ingel Keskpaik

Alter: 21

Geboren in: Tartu

Studiert: an der Universität Tartu, Germanistik als Hauptfach und Kunst als Nebenfach

Du bist in Tartu geboren und lebst jetzt wieder hier. Wo warst du inzwischen?

Geboren bin ich hier. Als ich drei oder vier Jahre alt war, zogen wir nach Ahula um (das ist bei Aravete), danach zurück nach Tartu, dann nach Tallinn, dann für einen Sommer nach Riga. Das Gymnasium habe ich in Tallinn besucht, jetzt bin ich zurück an der Uni in Tartu.

Ein Sommer in Riga. Kannst du etwas auf Lettisch sagen?

Jetzt erinnere ich mich an gar nichts mehr, aber ich konnte sagen „ich bin aus Estland” und „bitte zur Polizei” falls ich mich verirrt hätte. Damals war ich ja auch noch ziemlich klein.

Wo möchtest du noch leben?

In Deutschland wäre es bestimmt schön. Und vielleicht Kanada… ich möchte eigentlich so viel von der Welt wie möglich sehen.

Warum hast du dich für Germanistik entschieden?

Eeeemm, naja… das ist einfach so passiert. Ich habe es versucht und geschafft. Veni, vidi, vici. Die deutsche Sprache finde ich gut, obwohl ich sie früher für sehr hässlich und robust hielt. Die neuere deutschsprachige Literatur hat mich sehr beeinflusst. Sie ist eine von denen, die mich emotional am meisten berühren.

Und warum Kunst?

Im ersten Jahr schien Germanistik mir zu langweilig und trocken, weil die meisten Fächer mit der Sprache und wenige mit Literatur zu tun hatten. Ich habe mich entschieden, zusätzlich etwas Kreatives zu machen, damit ich mich nicht langweile. Bisher bin ich sehr zufrieden :)

Ich könnte mir auch nicht vorstellen, nur eines von beiden zu studieren, denn Germanistik und Kunst ergänzen einander.

Du hast viele interessante Hobbys, hat ein Vöglein mir gezwitschert…

Ich habe sehr viel gemacht, manches nur für kurze Zeit und manches, das schon vergessen ist. Aber sieben Jahre lang habe ich mich zum Beispiel mit Ballett beschäftigt, damit habe ich jetzt wieder angefangen.

Deine Kreativität ist auch an dir sichtbar – Handschuhe, Schmuck, Kleider… und.. eee… Stühle?

Ich habe eine ziemlich große Kollektion von Handschuhen (und zwar 24 Paar). Meine Oma strickt sie mir, oder ich kaufe mir welche und verändere sie dann nach meinem eigenen Geschmack.

Viel von meinem Schmuck ist auch selbstgemacht, ich habe einen Haufen Ideen für Schmuck in meinem Kopf. Leider ist die Zeit einer Studentin immer knapp.

Kleider nähe ich mir auch oft selber, aber nicht nach Schablonen, sondern nach meinen eigenen alten Kleidern. Mein Bruder meint dazu, dass ich mir Kleider an den Leib baue.

Mir gefällt es, alte Stühle neu zu gestalten. Restaurieren würde ich das nicht nennen, eher fine tuning.

Was malst du gerne?

Menschen. Ich male mich selbst, weil ich mein eigenes kostenloses Modell sein kann. Ich mag konzeptuelle Kunst – es ist langweilig etwas zu malen, wenn kein tieferer Sinn dahinter steckt und es nur als Verschönerung der Umgebung dienen soll.

Die Ausstellung im Paabel

…kam ins Leben, weil Kaie die Idee dazu hatte. Sie hat mich danach gefragt und ich war einverstanden. Die Bilder sind Akte von Frauen, weil so etwas leichter fürs Auge ist. In einer Bibliothek muss man sich ja konzentrieren können.

Jedes Bild hat natürlich auch seine eigene Idee, deswegen auch der Name „Zustand” für die Ausstellung.

Und wann kommt die nächste Austtellung?

Das weiß man nie… ich habe einige Pläne, aber mal sehen.

Ein Jahr können wir dich noch im Paabel sehen, oder?

Ja, ich hoffe fleißig zu sein und am Ende der Studienzeit zwei Bakkalaureisarbeiten schreiben zu können. Das Thema sollte entweder ein Vergleich von Film und Buch sein oder über ein Buch, das mich inspiriert hat.

Eigentlich gefällt mir auch das Übersetzen, das habe ich neulich im Seminar für schriftliche Übersetzung entdeckt. :)

Entweder oder:

Stadt oder Land?

Im Moment Stadt, weil ich noch jung bin, herumkommen und am Leben teilnehmen möchte. Irgendwann, wenn ich älter bin, vielleicht Land. Wenn aus mir dann nicht schon ein chronischer Stadtmensch geworden ist.

Winter oder Sommer?

Kompliziert. Im allgemeinen Sommer, aber in Estland ist es im Sommer kalt und es regnet. Ich mag auch Schnee, aber auch im Winter ist in Estland kaltes Regenwetter. Also… tjach J. Jede Jahreszeit hat etwas Schönes.

Film oder Buch?

Hängt von der Situation ab. Wenn der Film gut ist, dann der Film, wenn nicht, bevorzuge ich das Buch. Es ist leichter, sich einen Film anzusehen, weil vieles schon fest steht und man weniger Fantasie anwenden muss. Die Fantasie wird im Großteil schon in eine bestimmte Bahn geführt.

Ein Buch hingegen kann man überall hin mitnehmen und ist es gut geschrieben, macht Lesen Spaß. Wenn die Sprache schon gut ist, muss in der Narrative nicht viel passieren. Im Roman „Die Straße“von Cormac McCarthy zum Beispiel wandern durchs ganze Buch Vater und Sohn auf einer Straße und essen aus Dosen. Das Buch ist supergut! :)

Buchtipp?

Mich interessieren Bücher, die mehrdimensional sind. Es muss eine philosofische, psychologische Ebene geben. Das Buch dürfte nicht zu deprimierend sein, meine Emotionen sind leicht zu beeinflussen.

Neulich habe ich zum Beispiel „Wie es leuchtet” von Thomas Brussig gelesen. Das Buch ist ziemlich chaotisch, aber leicht zu lesen.

Was steht immer in deinem Kühlschrank?

Leere. Schokolade KÖNNTE dauernd drin stehen, so viel Glück habe ich leider nicht. Sojasoße und Marmelade.

Meistens verschwindet alles, was in den Kühlschrank kommt, daher auch wieder schnell.

Und zum Schluss bitte noch ein Tipp für die kommende Examensperiode.

Fangt früher mit dem Pauken an. Mir misslingt das immer :)

Montag, 3. November 2008

Katja Dorsch

Im Herbst fliegen die Kraniche in den Süden und die Deutschen nach Spanien. Zwei nette junge Frauen sind jedoch vom voraussichtlichen Kurs abgewichen und bei uns in Tartu gelandet. Zuerst haben wir näher untersucht, was für ein Wesen ist Katja Dorsch. Die erziehlten Forschungsergebnisse sind folgende:

Name: Katja Dorsch
Alter: 27
Geboren in: Leipzig

Was hast Du studiert?
Deutsch als Fremdsprache, Spanisch und Russisch als Nebenfächer. Dafür habe ich 15, nicht 9 Semester wie üblich gebraucht. Zum Glück haben meine Eltern mich unterstützt.
Ich habe auch in Deutschland unterrichtet, aber nicht beruflich, sondern für Flüchtlinge. Manchmal habe ich auch Freunden Spanisch beigebracht.

Was machst Du hier in Tartu?
Hier bin ich eine Sprachassistentin und unterrichte Deutsch, d.h. Praktische deutsche Sprache und Konversation. Das ist meine erste richtige Arbeit in dem Beruf, den ich gelernt habe.

Und wieso gerade hier?
Erstmal habe ich mich für Tschechien beworben. Ich bin auch in Peru gewesen, und habe ein Praktikum in Moskau gemacht. Jetzt wollte ich Deutschland näher sein. Ich wurde beim Bewerbungsgespräch gefragt, ob Estland mir auch gefallen würde und ich habe intuitiv „ja“ gesagt.

Was wusstest Du über Estland?
Nichts, nicht mal, dass Estland in der EU ist (was mir auch peinlich ist), aber inzwischen bin ich sehr positiv von Estland überrascht.

Deine größte Überraschung in Estland?
Tartu ist klein, aber hat eine super Auswahl an Vergnügungsmöglichkeiten – Theater, Kino, Kneipe. In Leipzig ist es genau so. Die Proportionen sind hier auch anders – für eine Kleinstadtstudentin ist Tartu zu groß, für mich ist Tartu klein. Das Empfinden für die Proportionen ist sehr unterschiedlich. Meine Stadt ist größer als die Haupstadt von Estland! Das ist sehr komisch.

Im Reiseführer steht, die Esten wären sehr verschlossen, sie sind aber sehr freundlich, teils freundlicher als die Deutschen.

Würdest du nochmal herkommen, wenn die Möglichkeit bestehen würde?
Im Urlaub auf jeden Fall. Meiner Mutter und meinem Freund hat es hier sehr gefallen. Wir haben Estland als Urlaubsland für uns entdeckt. Wir machten einen kleinen Ausflug nach Tallinn, Tartu und den Peipussee entlang. Ich könnte mir vorstellen, hier zu leben, obwohl die Gehälter wahrscheinlich nicht so gut sind.
Auf der anderen Seite ist Estnisch eine schwere Sprache, aber weil ich Deutschmuttersprachlerin bin, ist es für mich leichter.

Was vermisst Du an Deutschland?
Meinen Freund – das einzige, warum mir das Regenwetter nicht gut bekommt. Eigentlich meine Freunde allgemein. Und Bäckerbrot.

Die Qual der Wahl:
Stadt oder Land?
Die Stadt, weil da viel los ist. Land ist für mich für den Urlaub und Wochenende. Städte haben auch ruhige Ecken und das genügt. Ich brauche meine Infrastruktur und Möglichkeiten, mich zu bewegen. ...aber wenn man zu viele Möglichkeiten hat, wie z.B. in Berlin, ist man überfordert. Auf dem Land ist das soziale Umfeld zu begrenzt, alle wissen, was du machst.

Morgenmensch oder Abendmensch?
Beides. Ich versuche, den Tag nicht zu verschlafen, aber der Abend gehört dir selbst. Ich glaub’ ich bin eher ein Tag- als ein Nachtmensch.

Buch oder Film?
Buch. Ich lese gerne und habe nie einen eigenen Fernseher gehabt. Ich lese viel lieber. Als Kind habe ich immer heimlich mit der Taschenlampe unter der Decke gelesen und habe vielleicht deshalb jetzt auch eine Brille.
Martin Walser „Tod eines Kritikers” lese ich gerade.
Buchtip: Walter Moers „Die Stadt der träumenden Bücher”
Filmtip: Benny and Joon.

Fußball?
Gucken nicht, aber ich habe zwei Jahre gespielt, ich bin nicht sehr talentiert. Aber ich bin kein großer Fussballfan. Ich war nicht enthusiastisch der Weltmeisterschaften entgegen, aber mit Freunden habe ich sie doch geguckt. Der grosse Enthusiasmus und übertriebener Patriotismus ist mir aber zuwider.

Reiseziele:
Ich will auf jeden Fall auf die estnischen Inseln, Estland angucken. Langfristig würde ich gerne einmal auf jedem Kontinent sein. Dann will ich die Länder erkunden, die in der Nähe sind. Eher Osteuropa, aber gerne auch ein bisschen im Süden, da ist es wärmer.

Was steht immer in Deinem Kühlschrank?
Käse. Und ich finde die Quarkcreme (kohupiim) sehr gut, das erinnert mich an die Quarkcreme aus meiner Kindheit, die es in Deutschland heute nicht mehr gibt, oder selten..

Dienstag, 28. Oktober 2008

Christina Grübel

Unsere neue DAAD-Lektorin Christina Grübel sehen die meisten von uns jede Woche. Natürlich wollen wir alle mehr über sie wissen!
Germaphon hat sie für euch ausgefragt.

Name: Christina Grübel
Geburtstag: 17.6. 1975
Geboren in: Düsseldorf

Wie sieht Dein bisheriger Studiengang aus?
Studiert habe ich in Hamburg, wo ich auch bis jetzt wohnte, Germanistik und in Paris – Französisch.

Was machst Du jetzt hier in Tartu genau?
Ich bin DAAD-Lektorin und unterrichte alle Studienjahre. Zusätzlich mache ich Stipendienberatung, vertrete den DAAD auf Messen und organisiere kulturelle Veranstaltungen. Nebenbei schreibe ich gerade meine Dissertation fertig und mache meinen Master in Kulturmanagement.
Und wieso gerade hier?
Vor einem Jahr habe ich ein Praktikum in Litauen gemacht und bin danach im Baltikum rumgereist und das Land näher kennengelernt. Ich finde Estland eben sehr schön.

Was wusstest Du über Estland?
Nicht wirklich viel, das Land ist klein und vielen Menschen unbekannt. Die Natur ist toll. Man hört immer, dass die Menschen schüchtern sein sollen, aber ich habe hier bisher keine „typischen Esten“ gesehen.
Würdest du nochmal herkommen, wenn die Möglichkeit bestehen würde?
Ich würde nicht noch einmal kommen, um den gleichen Job zu machen, denn
irgendwann, nach Ablauf meines DAAD-Vertrags möchte und muss ich etwas Anderes machen, aber als Tourist komme ich natürlich sehr gerne wieder.

Gibt es große Unterschiede zwischen estnischen und deutschen Studenten?
Eigentlich nicht – ich komme aus Norddeutschland und sowohl wir als auch die Esten sind etwas zurückhaltender. Hier ist alles irgendwie kleiner und familärer.
Die estnischen Studenten sind fleißiger, weil Bildung hier etwas kostet. In Deutschland war die bildung bis vor Kurzem kostenlos.

Die Qual der Wahl:
Stadt oder Land?
Stadt. Ich finde es schön, wenn ich auf die Straße gehe und da etwas ist los.
Buch oder Film?
Buch. Ich mag es, wenn ich etwas lese und mir die Charaktere und Vorgänge selber vorstellen kann. Man kann seine Phantasie benutzen.
Buchtipp: Siegfried Lenz „Die Deutschstunde”, Frank Schätzing „der Schwarm”. Beide sind umfangreich.
Filmtipp: Die Fabelhafte Welt der Amélie ist sehr gut. Von deutschen Filmen mag ich ältere, z.B. aus den 60ern.

Deine Reiseziele:
Tailand und China. In China bin ich schon Mal gewesen und möchte noch weitere Gegende besuchen. Außerdem Bora Bora, denn da soll es eine sehr schöne Landschaft geben. Ich bevorzuge östliche Länder.
Nächstes Jahr möchte ich mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking fahren.

Was steht immer in Deinem Kühlschrank?
Butter.

Bitte charakterisiere noch kurz die Esten.
Zurückhaltend, humorvoll, kreativ.

Peer Trilcke

Für drei Wochen war Dozent Peer Trilcke aus Göttingen bei uns zu Besuch. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt.

Erstmal kurz.
Name: Peer Trilcke
Geburtstag: 22. April 1981
Geboren in: Hamburg

Was hast Du bisher studiert und was machst Du jetzt?
Ich habe an der Universität Kiel studiert: Neuere deutsche und skandinavische Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft und Philosophie. 2006 habe ich meinen Magister gemacht; seitdem bin ich an der Universität Göttingen angestellt, unterrichte dort und schreibe nebenbei an meiner Doktorarbeit.

Was machst Du hier in Tartu?
Unterrichten; ich gebe hier in der Germanistik eine Einheit zur Literatur, zum Poetischen Realismus um genau zu sein, und Tutorien zur Textanalyse. Es gibt da eine Institutspartnerschaft zwischen den Germanistik-Abteilungen in Göttingen und in Tartu. Der DAAD (Deutsche Akademische Austauschdienst), über den diese Partnerschaft läuft, möchte auf diese Weise den Austausch zwischen der Inlands- und der Auslandsgermanistiken, zum Beispiel hier in Tartu, anregen.
Und wieso gerade hier?
Nun, die Möglichkeit bot sich. Man kann in Deutschland als Dozent ganz gut mal für einige Zeit im Ausland unterrichten. Und ich fand Estland ungemein spannend, da kennt man einfach erst mal kaum etwas. Mein östlichstes Reiseziel war bisher Prag; Estland war also fast so etwas wie der Ferne Osten. Da begibt man sich doch gern mal auf Entdeckungsreise.

Was wusstest Du über Estland?
Recht wenig. So ein paar geographische Fakten und ein wenig Geschichte, aber vor allem solche Sachen, die mit der europäischen Geschichte zusammenhängen. Dann natürlich ein wenig aus der Literaturgeschichte, es gab ja so manchen deutschsprachigen Dichter, der sich hier aufgehalten hat. Und ein wenig über das Estland der Gegenwart liest man ja auch in deutschen Zeitungen, nicht überbordend viel, aber hin und wieder gibt es einen Artikel, gerade auch im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung. Vor kurzem erst wurde Tallinn in der Süddeutschen Zeitung, eine der ganz großen Zeitungen in Deutschland, als „eine der angesagtesten und innovativsten Städte Europas“ bezeichnet. Das ist doch was, oder nicht? Und ich meine: Estland ist ja so groß nicht. Gestern zum Beispiel habe ich den Staats-Präsidenten gesehen, der lief hier einfach so rum, zwei Leibwächter dabei, ein Polizeiwagen, mehr nicht. Und es schien sich eigentlich keiner so richtig dafür zu interessieren – in Deutschland hätte man die halbe Innenstadt gesperrt, alles wäre voll gewesen von Menschen und vor allem von Polizisten. Aber hier geht das alles ganz ruhig über die Bühne. Das ist so eine Unaufgeregtheit, die mir am Baltikum sehr gefällt. Oh. Mein Reiseführer hat mir gesagt, dass ich auf keinen Fall „Baltikum” und schon gar nicht „Balten“ sagen soll, sondern immer ganz korrekt die jeweilige Nationalität verwenden soll, da ihr euch ansonsten beleidigt fühlen könntet. Was ja auch richtig ist. Also: Diese Unaufgeregtheit hier in Estland, die ist mir äußerst sympathisch.
Deine größte Überraschung in Estland?
Das nordische, manchmal richtiggehend skandinavische Flair. Ich habe lange in Lübeck gewohnt, das ja auch zur Hanse gehörte, und ich bin viel durch Skandinavien gereist –hier ist die Atmosphäre sehr ähnlich. Ich mag das sehr, es ist ruhig. Als Norddeutscher braucht man keine überschäumende Herzlichkeit von Fremden, die Menschen verhalten sich dezent distanziert. Gerade deswegen wirken sie irgendwie liebenswert, weil sie nicht aufdringlich sind.
Würdest du nochmal herkommen, wenn die Möglichkeit bestehen würde?
Ja. Klar. Urlaub machen, ein wenig herumreisen, auf jeden Fall. Das ist fest eingeplant für die nächsten Jahre. Und wenn sich die Gelegenheit bietet, komme ich auch zum Unterrichten wiede her, sofort.

Was vermisst Du an Deutschland?
In der Regel sagt man jetzt wohl: das Brot. Die deutschen Bäcker sind schon Weltspitze. Aber ansonsten: eigentlich nichts, der Freundeskreis sicherlich, aber ich bin ja nur für drei Wochen hier, das ist ja keine Ewigkeit.
Gibt es große Unterschiede zwischen estnischen und deutschen Studenten?
Auf den ersten Blick eigentlich kaum welche: Würde ein Este oder eine Estin bei mir in Göttingen im Kurs sitzen, sozusagen inkognito, vielleicht würde ich das gar nicht bemerken, jedenfalls vom Aussehen, auch vom Kleidungsstil nicht. Was die konkrete Unterrichtsarbeit angeht, gibt es Unterschiede, klar. Die sind natürlich vor allem sprachbedingt: hier muss man separat Deutsch lehren, kann keine so große Kenntnis der deutschen Literatur voraussetzen. In Deutschland kann man da auf einer anderen Ebene anfangen, sich mit Sprache und Literatur zu beschäftigen. Anders ist selbstverständlich auch die Menge: In Göttingen ist die Germanistik ein Massenfach, da fangen jedes Semester mehrere hundert Studierende an, man kennt nur ganz wenige von ihnen und alles ist anonymer. Was die Persönlichkeiten angeht, wirken die Studierenden hier ein wenig schüchterner, etwas verhaltener, aber auch da gibt es immer erfreuliche Ausnahmen; und nebenbei: auch in Deutschland ist es nicht so, dass jeder Kursteilnehmer nur darauf brennt, sich am Unterricht zu beteiligen. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass auch die estnischen Studierenden interessiert sind, und wenn man sie ein wenig lockt, dann sind sie sogar engagiert und vor allem: mit Begeisterung bei der Sache. Und wenn es um Literatur geht, dann ist Begeisterung sicher nicht die einzige, aber ganz sicher eine wichtige Voraussetzung

Die Qual der Wahl:
Stadt oder Land?
Stadt. Das Leben auf dem Lande ist mir, zumindest in der derzeitigen Lebensphase, etwas zu abseitig – um nicht langweilig zu sagen. Ich bin in einem recht kleinen Dorf aufgewachsen und das reicht dann auch erst einmal. Außerdem ist mein Arbeitsplatz, die Uni, in der Stadt; und ich mag diese kurzen Wege, mag es auch, nicht unbedingt auf das Auto angewiesen zu sein. In Göttingen zum Beispiel ist alles mit dem Fahrrad, meist sogar zu Fuß, zu erreichen. Da ist Göttingen eigentlich genau wie Tartu. Sowieso: irgendwo habe ich gelesen, Tartu sei „das Göttingen des Baltikums” – oder sagen wir besser: „das Göttingen Estlands”. Das passt ganz gut, auch wenn ihr hier mehr Grün in der Stadt habt.
Morgenmensch oder Abendmensch?
Da meine Doktorarbeit bald fertig sein soll, habe ich keine andere Wahl und muss rund um die Uhr produktiv sein, früh aufstehen ist also Pflicht zur Zeit. Aber eigentlich bin ich lieber lange wach; das Aufstehen morgens ist nicht unbedingt meine beste Übung.
Buch oder Film?
Buch. Aber ich sehe sehr gerne Filme, meist mit anderen Menschen. Film ist irgendwie immer auch eine kommunikative Sache. Ein Buch liest man eigentlich immer als Einzelkämpfer. Aber gerade dieses Alleinsein mit der Sprache im Kopf hat seinen ganz besonderen Reiz.
Buchtip: „Fredy Neptune” von Les Murray.
Bester deutscher Film: „Faust” von Murnau, ein Stummfilm aus den 20ern – aber es gibt bestimmt bessere, da kenne ich mich nicht aus.

Jahreszeit:
Herbst und Frühjahr. Ich mag es vor allem nicht zu warm, dann entsteht so eine Trägheit, der man sich überhaupt nicht widersetzen kann. Und das Wechselhafte im Frühling, im Herbst, das ist irgendwie schon großartig. Der Winter ist in Deutschland mittlerweile leider ziemlich trostlos: kahle Bäume, kaum Schnee und wenn, dann nur wenig, meistens Matsch.

Fußball? Naja. Eher nein. Ich bin kein Fußballfan, habe keinen Lieblingsverein, aber die großen Turniere verfolge ich schon. Nicht euphorisch, aber dann doch interessiert; das sind ja auch Massenspektakel, bei denen man dann gern mal mitfiebert. Und Fußball, wenn er gut ist, ist ja irgendwie auch Schach mit Menschen, also ein bisschen eine intellektuelle Sache?

Deine Reiseziele: Weiter in den Osten, Russland reizt mich. Von hier kann man ja fast schon zu Fuß hingehen. Insgesamt zieht es mich in nördliche Gegenden, Alaska wäre großartig, aber auch in Skandinavien habe ich viele Landstriche noch nicht gesehen.

Was steht immer in Deinem Kühlschrank? Milch für den Kaffee und Orangensaft.
Bier? Nein.

Bitte charakterisiere noch kurz die Esten.
Höflich, zurückhaltend, dabei sehr selbstbewusst und weltoffen.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Hierhin kommen zukünftig Interviews mit Studenten, die im Ausland wohnen, Lehrkräften, Gastlektoren et cetera.